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Joseph Beuys über Rudolf Steiner

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Aktualisiert (Mittwoch, den 04. Mai 2011 um 22:35 Uhr) Geschrieben von: mhs Sonntag, den 20. März 2011 um 23:56 Uhr


 

(Evolutionszeichnung von Joseph Beuys für Volker Harlan)

 

 

 

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe anlässlich des 150. Geburtstages von Rudolf Steiner hielt Prof. Volker Harlan am 03.03.2011 im Festsaal unserer Schule einen Vortrag über „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“.

Darin zitierte er aus einem Brief des Künstlers Joseph Beuys an den Freiburger Schauspieler Manfred Schradi. Letzterer war unserer Schule als Vater dreier Kinder, als Regisseur von Zwölft-Klass-Spielen und als Vorstandsmitglied über viele Jahre hinweg eng verbunden.

 

 

 

 

Joseph Beuys (1921-1986)      -      Manfred Schradi (1921-1996)

 

 

 

 

Düsseldorf, 21.10.1971

 

Sehr geehrter, lieber Herr Schradi,

es liegen noch etwa 1000 unbeantwortete Anfragen vor mir. Entschuldigen Sie bitte deswegen, dass diese Antwort zunächst nicht tiefer eingehen kann. Nehmen Sie aber bitte entgegen: ihre Worte haben mich tief berührt, weil Sie mir damit den Namen Rudolf Steiners zuriefen, über den ich seit meiner Kindheit immer wieder nachdenken muss, weil, wie ich weiß, gerade von ihm ein Auftrag an mich erging, auf meine Weise den Menschen die Entfremdung und das Misstrauen gegenüber dem Übersinnlichen nach und nach wegzuräumen.

Im politischen Denken, dem Acker, den ich täglich zu bearbeiten habe, gilt es, die Dreigliederung so schnell wie möglich Wirklichkeit werden zu lassen. Diese Idee muss aus den Menschen herausgeholt werden, da sie in jedem einzelnen in verschiedenem Maße vorgebildet ist. Sie muss erstehen als die freie Leistung des Menschen selbst. Die große Leistung Steiners ist es gewesen, garnichts „erfunden“ zu haben sondern (nur!) aus der unendlich gesteigerten Wahrnehmung heraus vorgetragen zu haben, was des Menschen höhere Sehnsucht ist, wenn er es auch noch nicht weiß.

Behutsamkeit, Indirektheit, Unmerklichkeit, auch oft „Antitechniken“ sind meine Möglichkeiten. Nicht ein Überfluten mit „anthroposophischem Museum“. Denn mit der „Gesellschaft“ haben sehr viele, auch ich selbst, nicht recht überzeugende, um nicht zu sagen üble Erfahrungen gemacht. Und ich kenne zu gut das Mißtrauen, ja sogar den Ekel allzuvieler.

Wo dieses Mißtrauen auch nur ganz gering Eingang gefunden hat, ist man immer bereit, den Schatz mit dem Unwert zusammenzuwerfen und zu verwerfen. Dann aber wird man blind für den einzig gangbaren Weg.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Joseph Beuys

 


(Rechtschreibung, Zeichensetzung aktualisiert bzw. korrigiert; Unterstreichungen wie im Original. - Siehe unten: Faksimile des Briefes.)