'Die Botschafter' - Feier zum Beginn der Osterferien

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Aktualisiert (Donnerstag, den 08. Juli 2010 um 21:46 Uhr) Geschrieben von: mhs Freitag, den 26. März 2010 um 15:17 Uhr


Am Morgen des letzten Schultages vor den Osterferien versammelte sich unsere Schulgemeinschaft im Festsaal zu einer kleinen Feier mit musikalischen und sprachkünstlerischen Beiträgen aus Schülerschaft und Lehrerkollegium.

Lesen Sie hier den Wortlaut der Ansprache:


Liebe Schüler, liebe Kollegen, liebe Schulgemeinschaft,

vor etwas mehr als 100 Jahren wurde Hilde Löwenstein, die später unter dem Namen Hilde Domin bekannt werden sollte, am 27. Juli 1909 in Köln als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts geboren. Nach ihrer Schulzeit studierte sie aus Begeisterung für den Vater in Heidelberg zunächst Jura, dann Nationalökonomie, Soziologie und Philosophie. Hier lernte sie auch ihren späteren Mann, den Archäologiestudenten Erwin Walter Palm, kennen.




Bereits 1932 emigrierten die beiden nach Rom, wo Hilde Domin auch Kunstgeschichte studierte. In Florenz schloss sie wenige Jahre später ihr Studium mit Doktorwürden ab. Doch die Rassengesetze der italienischen Faschisten unter Mussolini zwangen Hilde Domin zur Auswanderung. Im letzten Augenblick gelang ihr über Paris die Ausreise nach England, wohin schon ihre Eltern geflohen waren. Angesichts der Kapitulation Frankreichs und eines drohenden Blitzkrieges entschloss sie sich zur Flucht aus England. Sie fand schließlich Exil in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Hier lebte sie von 1940 bis 1954 und war als Universitätsdozentin, Übersetzerin und Architekturfotografin tätig.

Dort begann aber auch ihr Dichterleben.

 


Ausgelöst wurde jene unerwartete Hinwendung zu Dichtung und Lyrik durch den Tod ihrer Mutter im Jahr 1951. “Ich, H. D., bin erstaunlich jung. Ich kam erst 1951 auf die Welt. Weinend, wie jeder in diese Welt kommt. Meine Eltern waren tot, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter war wenige Wochen zuvor gestorben.” So, als eine Neugeburt, schilderte Hilde Domin den Beginn ihres Schriftstellerinnenlebens, das ihr zugleich auch einen neuen Namen bescherte. Voller Dankbarkeit für jene Karibikinsel, die ihr freundliches Exil gewährt hatte, legte Hilde Palm sich den Künstlernamen Domin zu.

Durch das Schreiben rettete sie sich vor zunehmender Vereinsamung, ja, wie sie selbst einmal sagte, sogar vor dem Selbstmord. Es gab Zeiten, in denen sie sich als „eine Sterbende“ erlebte, „die gegen das Sterben anschreibt“. Es war die Auferstehungskraft des Wortes, die ihr zur Rettung aus Seelennot wurde.

 


Nach zweiundzwanzigjährigem Exil mit weiteren Zwischenstationen in Spanien kehrte sie 1954 gemeinsam mit ihrem Mann nach Deutschland zurück. 1961 ließ sie sich an ihrem ehemaligen Studienort nieder und wurde innerhalb weniger Jahre zu einer der bedeutendsten deutschen Autorinnen, deren Gedicht- und Essaybände in immer neuen Auflagen immer neue Leser fanden. Das Exil hatte sie zur unverwechselbaren Dichterin gemacht. Die Heimat fand sie nicht in deutschen Landen, sondern “im deutschen Wort”.

Ihre Gedichte sind charakterisiert durch sprachliche Schlichtheit und gedankliche Schärfe, Bildhaftigkeit und Klangschönheit, Gelassenheit und Lakonie. Den Schrecken und den Wunden des vergangenen Jahrhunderts setzten sie ein ebenso tapferes wie wohlgemutes Beharren auf menschliche Nähe entgegen. Gleich ihr erster Gedichtband "Nur eine Rose als Stütze" (1959) wurde ein außerordentlicher Erfolg. Nur wenige Dichter sind von ihren Lesern so geliebt worden. Geliebt wegen der so zarten wie kräftigen Gedichte. Geliebt auch wegen der Art, mit der die Autorin in ihrer ebenso noblen wie zarten Gestalt auf ihr Publikum zuging, freundlich und energisch zugleich. Hilde Domin war eine Autorin, die ihre Gedichte als "magische Gebrauchsgegenstände" verstand, "die, wie die Körper der Liebenden, in der Anwendung erst richtig gedeihen”. Und die Liebe der Menschen zueinander wurde ihr zum eigentlichen Sinn des Lebens.

In einem Interview sprach sie einmal davon, dass ein Dichter drei Arten von Mut brauche:

- den Mut, er selbst zu sein.

- den Mut, nichts umzulügen; d.h. die Dinge bei ihrem Namen zu nennen

und

- den Mut, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.

Dabei war Hilde Domin selbst eine große Mutmacherin. In einem ihrer späten Gedichte beschwört sie sich und uns zugleich, nicht müde zu werden. Wir sollen vielmehr, heißt es da, "dem Wunder / leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten."

Vor vier Jahren starb Hilde Domin in Heidelberg in wahrhaft biblischem Alter an den Folgen eines Sturzes.

 



Einige Eurer Lehrer werden gleich ein Gedicht von Hilde Domin sprechen, das den Titel Die Botschafterträgt. Nun, die Botschaft, um die es darin geht, besteht letztlich nur aus einem einzigen, winzigen Wort – „Ich“. Und in diesem Wort liegt all das begründet, was uns Menschen voneinander trennt. Ist es doch das einzige Wort in unserer Sprache, dass nie von außen an mein Ohr dringen kann, wenn es mich bezeichnen soll. Gleichzeitig aber sind dies die Anfangsbuchstaben des griechischen Namens für den Christus und damit weist es auf die Überwindung alles Trennenden hin. So ist denn in dieser 'Botschaft' auch jene Auferstehungskraft zu suchen, von der zu Ostern die Rede ist.

Wir wünschen Euch allen damit ein frohes und gesegnetes Osterfest.


Die Botschafter

Die Botschafter
kommen von weither
von jenseits der Mauer

barfuß
kommen sie
den weiten Weg

um dies Wort abzugeben.
Einer steht vor dir
in fernen Kleidern

er bringt das Wort Ich
er breitet die Arme aus
er sagt das Wort Ich

mit diesem trennenden Wort
eben saht ihr euch an
ist er nicht mehr

geht in dir weiter.

Hilde Domin