Handarbeiten in der Unter- und Mittelstufe
Nichts ist im Verstand, was nicht vorher durch die Sinne erfahren wurde. (Sokrates)
Zur Ausbildung des Menschen mit Kopf, Herz und Hand gehört auch der Handarbeitsunterricht in den Klassen 1 bis 8. In diesem Unterricht werden mit dem Ertasten der verschiedenen Materialien erste Erfahrungen gemacht. Mit selbst hergestellten Stricknadeln werden in der 1. Klasse die noch ungeübten Finger und Hände zu einer koordinierten, präzisen Bewegung angeleitet. Dieses „Geschicktwerden“ der Hände durchzieht die Schuljahre wie ein „Leit-faden“.
Wer in solch eine Unterrichtsstunde hineinschaut, erlebt die Kinder überaus konzentriert und mit dem ganzen Körper tätig bei der Sache. Im ersten Schuljahr ist die Freude am Schaffen, am Tätigsein so groß, dass der hergestellte Gegenstand darüber oft in den Hintergrund tritt. Umso größer ist die Freude, wenn das Endprodukt im Alltag verwendet werden kann. Die entstehenden Handarbeiten sollen einem sinnvollen Gebrauch dienen – zur Bekleidung, als Schutzhülle für die Flöte oder als Täschchen für Nähutensilien.
Besonders die schöne Gestaltung ist ein wesentliches Anliegen dieses Unterrichts. Dafür braucht es ein feines Abwägen und Gestalten in Form und Farbe, ein beständiges inneres Nachbewegen und Suchen nach Gleichgewicht. Diese innere Tätigkeit fördert die Fähigkeit wahrzunehmen und ermöglicht es den Kindern damit, die Welt wacher zu erleben. Das Anliegen des Handarbeitsunterrichts in der Waldorfschule ist nicht primär die Vermittlung alter Kulturtechniken, sondern es geht um die dabei gewonnenen Sinneserfahrungen. Gerade die in letzter Zeit bekannt gewordenen Forschungsergebnisse aus Erziehungswissenschaft, Psychologie und Medizin zeigen deutlich die Wechselwirkungen zwischen der Entwicklung des zentralen Nervensystems und den Sinneserfahrungen der Schulkinder. Je jünger ein Kind ist, desto eindrücklicher erlebt es Bewegung und Ertasten. Berühren erzeugt Berührtsein – im physischen wie auch im seelischen Sinne.
Ein Kind, das sich handwerklich und schöpferisch betätigen darf, lernt unter dem Aspekt von Sinnhaftigkeit und Schönheit die Welt begreifen und im Begreifen zu lieben.




