Michaeli 1956 – 10 Jahre Freie Waldorfschule Freiburg
Auszug aus einem Aufsatz von Eva Eisenlohr, Bildhauerin
Vor zehn Jahren, am 11.3.1946, saßen zwölf von den dreißig Gründern der hiesigen Waldorfschule in der Wohnung von Herrn Schönberg zusammen. In die langen, sorgenvollen Besprechungen warf Herr Birkle ein Wort von Rudolf Steiner hinein – und es setzte Stille ein für längere Zeit. Ich hörte darin eine Glocke schwingen und gewann eine neue, große Zuversicht für die Schule, der sich damals unendliche äußere und innere Widerstände entgegenstellten. In einem Holzschnitt habe ich jenes Geschehen festgehalten, von dem mir auch Herr Birkle, Frau Dr. Husemann und Herr Otto mitteilten, dass sie Ähnliches empfunden haben.
Die erste Zuversicht nach den ersten Widerständen schöpfte ich bei dem ersten Betreten des Hauses Apelt (unser Schulgebäude in der Hofmeisterstraße, bis es einsturzgefährdet war), und zwar aus Frau Dr. Husemanns Worten, die ein Bild Rudolf Steiners dahin mitgenommen hatte und sagte: „Wir machen es in seinem Sinne, es wird werden.“ Nun ist gestern der zehnte Geburtstag dieser Schule gefeiert worden – und sie ist geworden.
Ein schönes, von viel Leistung und Erreichtem geschmücktes Fest ist es gewesen, das durchaus von Freude und Kraft ausgezeichnet war. Den Beginn bildete die öffentliche Monatsfeier ..., bei der die Klassen bestrebt waren, ihre künstlerischen Möglichkeiten in deutschen und fremdsprachlichen Aufführungen zu zeigen: in Goethes „Faust“, in Molières „Le Bourgois Gentilhomme“, Mark Twains „Tom Sawyer“, in eurythmischen Darstellungen der zwei Märchen „Die sieben Schwaben“ und „Hänsel und Gretel“, welch letzteres ein entzückendes kleines Kunstwerk war. Rezitationen aus dem Gilgamesch-Epos und dem Ambrosianischen Lobgesang (in lateinischer Sprache) vermehrten den Querschnitt durch das künstlerische Arbeiten der Schule, das auch noch eine Ausstellung der Bildenden Künste und der Handfertigkeiten vervollständigte, die am darauffolgenden Sonntag im Historischen Kaufhaus zu sehen war. Dorthin war zum Festakt eingeladen worden und es waren der Einladung erfreulicherweise Behörden der Stadt und des Staates in Gestalt ihrer Vertreter gefolgt. ...
Die Mitfeiernden des Schulfestes, die gehofft hatten, etwas von den Zielen und der Methode der Waldorfschule zu hören, erfuhren die Erfüllung dieses Wunsches durch den Festvortrag von Herrn Hahn, der von Stuttgart gekommen war, um die Glückwünsche der „Mutterschule“ zu überbringen, in Form eines Geschenkes und mit seinen Ausführungen. Er brachte, was man dringend hören wollte: etwas vom Gründer der ersten Waldorfschule, Rudolf Steiner, und von den näheren Umständen, die zur Gründung geführt haben.
Rudolf Steiner hatte in Stuttgart einen Vortrag über die Erziehung des Kindes gehalten, der dann in Buchform erschien. Am Schluss des Buches stand ein Satz, der von jedermann gelesen wurde: „Wenn mehr gefragt wird, kann die Geisteswissenschaft Antwort geben.“ Diesen Satz las auch der Direktor der Waldorf-Astoria-Fabrik in Stuttgart, Hermann Molt, und er fragte bei Rudolf Steiner an. Es waren nicht ein oder zwei Ratschläge, die er bekam. Wie wenn eine Schleuse geöffnet würde, so überwältigend fluteten die Ratschläge Rudolf Steiners für eine neue Pädagogik herein. Als man später fragte, warum die Schule nicht früher ins Leben gerufen worden sei, sagte Rudolf Steiner: Er könne nicht Antworten geben, wo nicht gefragt würde. Er betrachte das als Eingriff in die Freiheit anderer Menschen.
Er hielt dann einen Vortrag im Saal der Waldorf-Astoria-Fabrik, vor den Arbeitern. Kühl abwartend saßen sie ihm gegenüber, bis Rudolf Steiner etwas aussprach, was den Durchbruch brachte: „Wenn ein Mensch vierzehn Jahre alt ist, interessiert er sich für die Weite der Welt, für alles Wissen, und möchte Erfahrungen darin machen, aber er muss sich in die Enge eines Berufes, eines Handwerks begeben.“ Von diesem Augenblick an kamen ihm Zustimmung und Offenheit entgegen. Er leitete dann Volksbildungskurse an, die Herr Hahn gab, und die Arbeiter kamen.
Nach einiger Zeit fragten sie: „Und was wird aus unseren Kindern?“ Und Herr Molt machte die Gründung einer Schule möglich, zunächst für die Arbeiterkinder aus seiner Fabrik, anfangend mit einigen Klassen, die dann bald vermehrt wurden. Am 25. April 1919 war die Sitzung, in der die Schule beschlossen wurde. Rudolf Steiner, Herr Molt, Herr Hahn und Herr Stockmeyer waren anwesend – letzterer ist auch Mitbegründer der hiesigen Schule, was Herrn Hahn in seinem Vortrag zu dem Bild veranlasste, die hiesige Schule sei mit demselben Quellwasser getauft. ...
Wir sind bisher 60 Waldorfschulen in allen Ländern. Es ist ein Anfang und wir hoffen, dass die Millionen Menschen kommen werden, die gebraucht werden für die soziale, völkerverständigende und pädagogische Erneuerung. ...
Jene Glocke beginnt wieder zu tönen, die mir bei der Gründung der Schule vernehmbar war. Möge sie fortschwingen und mithelfen, die von Atomversuchen erschütterte Atmosphäre in Harmonie zu bringen.





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