Unterstufe 1. – 4. Klasse

Vor allem in den ersten drei Schuljahren steht im Unterricht das Ansprechen der Sinne gleichberechtigt neben dem ersten schulischen Lernen. Außerdem wird, gerade zu Beginn der Schulzeit, sehr viel Wert darauf gelegt, dass jedes Kind seinen Platz im sozialen Klassengefüge findet.

Der Klassenlehrer bzw. die Klassenlehrerin beginnt als feste Bezugsperson jeden Schulmorgen mit den Schüler:innen. Dieser Rhythmus und das vertrauensvolle Verhältnis bilden die Grundlagen für das schulische Lernen der Kinder in der Unterstufe. Nach dem gemeinsamen Morgenspruch zu Beginn des Hauptunterrichts folgt der sog. rhythmische Teil, in dem durch das Üben kleiner Sprüche, Bewegungsspiele, Gedichte und Lieder die Sinne, die motorischen Fähigkeiten und das soziale Miteinander der Kinder geschult werden.

Anschließend werden in Epochen die grundlegenden Fächer Rechnen, Lesen, Schreiben und Formenzeichnen unterrichtet, ab der 3. Klasse kommen sachkundige Themen hinzu. Verschiedene methodische Herangehensweisen – bildhaft, praktisch und verstandesmäßig – ermöglichen, dass alle Kinder angesprochen und ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden.

Auch im Fachunterricht, der auf den Hauptunterricht folgt, wird das gleichberechtigte Ansprechen der Sinne und des Verstandes weiterverfolgt: Hier kommen praktisches Tun, und künstlerisches Schaffen und Erleben, Bewegung, die Anteilnahme an Bildern und Erzählungen und das Eintauchen in die Welt der Fremdsprachen gleichermaßen vor. Die Fachunterrichtsfächer in der Unterstufe, die dies ermöglichen, sind Musik, Religion, Eurythmie, Handarbeiten, Spielturnen und Malen.

Am Ende der Unterstufe, in der 4. Klasse, weiten die Unterrichtsinhalte langsam den Blick der Schüler:innen und das sinnliche Erleben der Welt geht allmählich in ein Verstehen der Zusammenhänge über.

Mittelstufe 5. – 8. Klasse

Mit jedem neuen Schuljahr erweitert sich der Horizont der im Unterricht behandelten Stoffgebiete, bis am Ende der 8. Klasse die ganze Welt in das Blickfeld der Jugendlichen gerückt ist.

Von der in der 4. Klasse einsetzenden Heimatkunde geht es in den darauffolgenden Klassenstufen beispielsweise weiter zur Geographie Deutschlands, dann Europas und in der 8. Klasse schließlich zu einer ersten Gesamtschau der ethnologischen und geographischen Differenzierung der ganzen Erde.

Der Wille, die Dinge verstehend zu durchdringen, und der Wunsch, Verantwortung zu übernehmen, treten in den Schülern:innen als neue Kräfte hervor. Im Unterricht erweitern darum neue Fächer den Epochenplan. Geschichtsepochen, Pflanzenkunde, Menschen- und Heimatkunde, Himmelskunde, Tierkunde und Gesteinskunde geben den Schüler:innen Einblicke in die Zusammenhänge unserer Welt und lassen neue Fragen entstehen. In der 7. und 8. Klasse ergänzen auch eine erste Physik- und Chemieepoche den Lehrplan. In beiden Fächern bilden die genaue Beobachtung und die nüchterne, getreue Wiedergabe der Phänomene den Ausgangspunkt für eine neue Qualität des Denkens: das selbstständige Erkennen von Kausalitäten.

Der Fachunterricht wird um die Fächer Werken und Gartenbau ergänzt – zwei Fächer, in denen sich im praktischen Tun die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung erproben lassen. Planvolles selbstständiges Denken und Handeln sowie der wohldosierte Einsatz von Kraft sind hier gefragt; außerdem fordern der Werk- und auch der Gartenbauunterricht sowohl den Mut, etwas aktiv anzugehen, als auch Besonnenheit im Umgang mit Materialien und Materie.

Am Ende der Mittelstufenzeit hält das 8. Schuljahr drei besondere Ereignisse für die Schüler:innen bereit:

  • Das 8. Klassspiel – ein gemeinsam gewähltes, erarbeitetes und umgesetztes Theaterstück.
  • Die Jahresarbeit – jede/r Schüler:in beschäftigt sich intensiv mit einem Thema, sowohl theoretisch als auch praktisch, und präsentiert dieses dann einem großem Publikum.
  • Eine längere Klassenfahrt, die oft zugleich den Abschluss der Klassenlehrer:innenzeit markiert.

Oberstufe 9.-12. Klasse und 13. Klasse

Mit dem Ende der Klassenlehrerzeit und dem Beginn der Oberstufe nimmt das Interesse der Schülerinnen und Schüler an den großen Lebensfragen auf wissenschaftlichem, künstlerischem oder menschlichem Gebiet zu. Dieses Interesse bestimmt die gesamte Oberstufenzeit. Der Unterricht trägt ihm Rechnung und legt das Fundament für eine Lebenshaltung, die nicht am Oberflächlichen verweilt.

Von der 9. Klasse an übernehmen zwei Oberstufenlehrende als Team die Betreuung der Klassengemeinschaft. Die Oberstufenschüler:innen lernen weiterhin in Epochen, im Hauptunterricht werden sie jetzt aber von Fachlehrer:innen unterrichtet. Die Schüler:innen beschäftigen sich nun mit einer hinterfragenden Haltung mit den Unterrichtsthemen, um vorgefasste Meinungen zu überwinden und eigene Standpunkte zu finden. Die Auseinandersetzung mit den Natur- und Geisteswissenschaften rückt dabei in den Vordergrund.

Zu Beginn der Oberstufenzeit erwacht die Frage danach, wie Menschen ihre Welt verändern und wofür es sich heute zu kämpfen lohnt. In diesem Zusammenhang lernen die Schüler:innen Ideen und Ideale im Unterricht kennen.

Wie wurden wir, was wir heute sind? Die Beschäftigung mit Vergangenem steht in der 10. Klasse in vielen Fächern auf dem Lehrplan, z.B. die Entstehung der Hochkulturen in topographischen und klimatischen Kontexten der jeweiligen Region.

Im Laufe der Oberstufe tritt immer stärker das Bedürfnis zur Vertiefung und Individualisierung von Problemen auf, und die Frage nach der eigenen Identität rückt in den Mittelpunkt. Die Jahresarbeit in der 11. Klasse bietet den Schüler:innen eine Möglichkeit, sich mit einem für sie persönlich jeweils wesentlichen Thema auseinanderzusetzen.

In der 12. Klasse begegnen sich die Schülerinnen und Schüler nochmals sehr intensiv in ihrer Klassengemeinschaft. Wie schon am Ende der Klassenlehrerzeit in der 8. Klasse erarbeiten die 12. Klässler:innen gemeinsam ein Theaterstück und gehen auf eine längere Klassenfahrt, bevor dann mit Absolvierung des künstlerischen Abschlusses die eigentlich Waldorfschulzeit zu Ende geht.

Während der gesamten Oberstufenzeit haben künstlerische und handwerkliche Disziplinen weiterhin ihren festen und unverzichtbaren Platz im Stundenplan. Im Tischlern, Schmieden, Schneidern, Malen, Plastizieren, Musizieren und in der Eurythmie finden die Schüler:innen einen Ausgleich zum kognitiven Lernen und die Möglichkeit, sich und ihre Individualität auszudrücken. Erste Schritte aus der schulischen Welt heraus bieten verschiedene, den jeweiligen Entwicklungsstufen der Jugendlichen angepasste Praktika.

In einem 13. Schuljahr besteht für die Schüler:innen die Möglichkeit, die Fachhochschulreife oder die Allgemeine Hochschulreife zu erwerben.

Praktika

Ein wichtiges Element in der Oberstufenzeit der Schüler:innen sind verschiedene Praktika, die jeweils am Ende des Schuljahrs drei Wochen lang stattfinden. Auch diese Praktika sind Teil des Lernens mit Kopf, Herz und Hand, sie schaffen die Grundlage für eine lebenspraktische Ausbildung und geben Einblicke in Sparten der heutigen Berufswelt.

In der 9. Klasse arbeiten die Schüler:innen im Rahmen des Landwirtschaftspraktikums auf einem Bauernhof, in der 10. Klasse gewinnen sie während des Handwerkspraktikums Einblicke in einen Betrieb, und das Sozialpraktikum in der 11. Klasse führt die Jugendlichen in eine selbst gewählte soziale Einrichtung.

Ebenfalls in der 10. Klasse werden die zuvor im Mathematikunterricht erarbeiteten Gesetzmäßigkeiten der Trigonometrie im Zuge des Feldmesspraktikums praktisch angewendet. Ein Gelände wird mittels hochempfindlicher Messgeräte nach allen Regeln der Kunst vermessen und anschließend kartographiert.

Die Praktika sind abgestimmt auf die jeweiligen Entwicklungsstufen der Schüler:innen und begleiten und unterstützen so gezielt die Heranbildung bereits angelegter Kompetenzen.

Das Landwirtschaftspraktikum verlangt den Schüler:innen das praktische, teils auch recht mühevolle Mit-Anpacken ab, gleichzeitig „erdet“ es aber auch – im wahrsten Sinne des Wortes – und bietet festen Boden unter den Füßen, in der Zeit der Pubertät, wo dieser manchmal gefühlt abhanden kommt.

Beim Feldmesspraktikum wird theoretisch Erarbeitetes in die Praxis überführt, wobei Genauigkeit, Geduld und Teamarbeit gefragt sind. Der Gewinn ist eine eigene, exakte und detailgenaue topographischen Karte und damit – im übertragenen Sinne – ein Stück selbst geschaffene Orientierung.

Das Handwerkspraktikum bietet erste orientierende Schritte in die Arbeitswelt und das hinsichtlich Organisation, Tätigkeitsfeld und sozialem Miteinander im jeweiligen Betrieb. Zunächst muss ein Praktikumsplatz ausfindig gemacht und angefragt werden. Dann erstellen die Schüler:innen eine Bewerbung. Im Rahmen des Handwerkspraktikums können bereits gehegte Berufswünsche praktisch erprobt, bestätigt oder auch wieder verworfen werden.

Das Sozialpraktikum schafft intensive zwischenmenschliche Begegnungen und stärkt das Bewusstsein für soziale Gefüge und Prozesse. Die Schüler:innen begleiten hier helfend Menschen in ihrem Lebensalltag, der sich ganz anders gestaltet als der eigene. Im Umgang mit körperlich oder seelisch beeinträchtigten Menschen beispielsweise stehen Verantwortungsgefühl, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, an vorderster Stelle.

Durch die Praktika gewinnen die Schülerinnen und Schüler Einblicke über den Schulalltag hinaus, es ergeben sich neue Blickwinkel und Fragestellungen für sie. Diese können sie mit den Mitschüler:innen teilen und so bereichernd in den Unterricht einfließen lassen.

Praktisch-künstlerischer Zug

Um möglichst vielen Neigungen gerecht zu werden und frühzeitig auch die Begabungen und Interessen im praktisch-handwerklichen Bereich zu fördern, erweiterte das Lehrerkollegium der Freien Waldorfschule Wiehre bereits 1970 das Schulprofil um den sog. Praktisch-künstlerischen Zug.

In der 9. Klasse schlagen Pädagog:innen, die in der Klasse unterrichtet Schüler:innen für diesen Zug vor. Hier können auch Schüler:innen vorgeschlagen werden, die einen praktischen Ausgleich zu ihren eher akademischen Interessen suchen.
Etwa 12 bis 14 Schülerinnen und Schüler, also rund ein Drittel der Klasse, durchlaufen dann den Praktisch-künstlerischen Zug. Sie bleiben weiterhin in den Klassenverband integriert und haben zusätzlich Unterricht in der Schreinerei, aber auch im Kochen und Weben. Immer wieder ergab sich auch die Möglichkeit, die Absolvent:innen des Praktisch-Künstlerischen Zuges in besondere Projekte, wie z.B. den Manegenbau für den Schulzirkus, den Bau eines Fachwerkhauses im Schulgarten, die Konstruktion neuer Webstühle und den Guss einer Glocke miteinzubeziehen. Parallel zu den handwerklichen Epochen haben die Schüler:innen fachtheoretischen Unterricht sowie Stunden im Fach „Technisches Freihandzeichnen".

In der Mitte der 10 Klasse bis zum Ende der 11. Klasse beschäftigen sich viele Schüler:innen zum Abschluss des praktisch-künstlerischen Zuges mit einer Facharbeit, die vom Entwurf bis zur Ausführung von ihnen selbständig durchgeführt wird.

Neben der Fachhochschulreife stehen den Absolvent:innen des praktisch-künstlerischen Zuges selbstverständlich auch alle anderen staatlichen Abschlüsse – einschließlich des Abiturs – offen.

Abschlüsse

Am Ende der 12. Klasse steht für alle Schüler:innen der Waldorfschulabschluss. Dieser umfasst eine  Jahresarbeit mit theoretischem und praktischem Teil sowie dessen Präsentation, die Teilnahme am Klassenspiel und den sog. künstlerischen Abschluss. Im Rahmen des künstlerischen Abschlusses werden die von den 12. Klässler:innen geschaffenen Werke aus den Fächern Malen, Plastizieren und Bildhauen ausgestellt. Außerdem studiert die Klasse ein abendfüllendes Programm mit musikalischen und eurythmischen Darbietungen ein.

Folgende staatliche Abschlüsse können an der Freien Waldorfschule-Wiehre absolviert werden:

  • Hauptschulabschluss (in Einzelfällen, ab der 9. Klasse),
  • Realschulabschluss (frühere Mittlere Reife) in der 12. Klasse,
  • Fachhochschulreife während eines zusätzlichen 13. Schuljahrs (in Kooperation mit den FWS Rieselfeld und Freiburg-St. Georgen) und
  • Abitur ebenfalls im 13. Schuljahr (Kooperation mit den FWS St. Georgen, Rieselfeld, Emmendingen und Dachsberg).

Für die Fachhochschulreife und das Abitur ist ein erfolgreich absolvierter Waldorfschulabschluss Voraussetzung.

Nähere Informationen zum Realschulabschluss, zur Fachhochschulreife und zum Abitur finden Sie hier als Download:

Abschlüsse